
“Terror und Traum” von Karl Schlögel entfaltet ein Panorama Moskaus in den Jahren 1937/38. Es macht die Faszination des Sowjetkommunismus spürbar. 20 Jahre nach dem Putsch der Bolschewiki ist eine Bilderbuchwelt entstanden, ein Land mit modernsten Auto- und Traktorenfabriken, Erschließung der entlegensten Landesteile, künstlichen Wasserstraßen, monumentalen Gebäuden, Schulen und Universitäten. Moskau hat eine U-Bahn mit palastartigen Bahnhöfen, Vergnügungsparks, Galerien, Theatern und eine gigantische Baustelle für den “Palast der Sowjets”, einer Mischung aus Rockefeller-Center und der geplanten Halle des Volkes in der Reichshauptstadt Germania. Die Leninstatue auf seiner Turmspitze sollte 75 Meter hoch sein. Zu Ende gebaut wurde der Palast nicht.
Mit Radio, Film, Musik, gigantischen Paraden und Kongressen wird im riesigen Imperium und im Ausland die Botschaft von der neuen klassenlosen Gesellschaft, dem neuen Menschen und den herausragenden technischen Leistungen verkündet.
Aber nicht nur deswegen ist das Land im permanenten Ausnahmezustand. Die eine Seite der Medaille ist der Traum vom Paradies auf Erden, dem man näher gekommen zu sein glaubt. Die andere Seite ist der unfassbare Terror, der 1937/38 seinen Höhepunkt erlebt. Die Putschisten von 1917 waren sich keinen Tag ihrer Herrschaft sicher. Da hatte es den jahrelangen Bürgerkrieg gegeben, das millionenfache Sterben der Bauern während der Kollektivierung der Landwirtschaft. Die ausländische Bedrohung, handfest im Bürgerkrieg erfahren, blieb dauerhaft vorhanden. Schließlich drohte das Reich der bürgerlich-kapitalistischen Welt den Untergang an. Die Gefahr wuchs mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus. Das Konkurrenzverhältnis der beiden Diktaturen wurde besonders anschaulich auf der Pariser Weltausstellung 1937, wo sich die Ausstellungspavillons, eher –paläste, gegenüberstanden.
Die von Anfang an chaotische Planwirtschaft brachte Versorgungsmängel und Fehlentwicklungen mit sich. Tausende standen stunden- und tagelang, meist vergeblich, vor den Moskauer Geschäften. Sie wurden von der Miliz auseinandergetrieben. Der Nomenklatura mangelte es dagegen an nichts.
Die Wohnungsnot muss wegen der Landflucht infolge der Kollektivierung, aber auch wegen des Bedarfs an Industriearbeitern in den Städten unbeschreibbar gewesen sein. Werktätige schliefen unter ihren Werkbänken, Familien hausten in einem einzigen Zimmer.
Stalin hatte eine neue Verfassung geschrieben und wollte den Sozialismus mit freien Wahlen krönen. Das konnte er sich aber nur trauen, wenn es als Wähler nur noch den neuen, sozialistischen Menschen gab, keine Oppositionellen, Schädlinge, Saboteure, alte Intelligenzja, Reste bürgerlichen Denkens, alle vereint unter dem Sammelbegriff Trotzkisten.
Was jetzt, 1937, als Abschluss eines Jahrzehnts unaufhörlicher Säuberungen, in Angriff genommen wurde, nennt Schlögel die „Endlösung“ der Klassenfrage: Eine „Säuberungsarbeit“, der vorsichtig geschätzt zwei Millionen Menschen zum Opfer fielen, davon 800000 durch Erschießen, die andern infolge der Haftbedingungen.
Für alles, was im Lande schief ging, wurden Schuldige gefunden: Zug- oder Bergwerksunfälle, fehlendes Brot, kaputte Traktoren und Produktionsausfälle, Missernten und Seuchen.
Dies sind die nur schwer zu lesenden Kapitel. Seitenweise wird aufgezählt, etwa (nicht wörtlich zitiert): Von 31 Abteilungsleitern 28 erschossen, einer vergiftet, einer begeht Selbstmord, einer überlebt, tausende von Armeekommandeuren erschossen, der neue Direktor war zwei Monate im Amt, dann wurde auch er erschossen, sein Nachfolger begeht nach drei Wochen Selbstmord, der Regisseur konnte seinen Film nicht fertig drehen, er wurde erschossen, Ehefrau und zwei Töchter wurden drei Monate später erschossen.
Tagelöhner, Bauern, Handwerker, Wissenschaftler, Ärzte, Architekten, einfache Parteimitglieder, Volkskommissare (=Minister), ZK- und Politbüroangehörige wurden der fantastischsten Vergehen beschuldigt, noch im Gericht oder in Gebäuden in und um Moskau erschossen und in Massengräbern verscharrt. Zur Belohnung gab es eimerweise Wodka für die Killerkommandos. Das erinnert an Auschwitz, wo die Waffen-SS-Angehörigen ebenfalls reichlich dem Alkohol zusprachen. Auch die NKWD-Führungskader, Gefängnisleitungen und sogar die Erschießungskommandos waren angeblich mit Trotzkisten, Saboteuren und Spionen durchsetzt und wurden gnadenlos dezimiert, teilweise unter tätiger Mithilfe hoher Parteikader und zeitgleich mit der Feier zum zwanzigjährigen Bestehen des Geheimdienstes im Bolschoi-Theaster. Besonders traf es die ausländischen Kommunisten, die sich nach Moskau geflüchtet hatten, ebenso jüdische Kommunisten sowie Angehörige der nichtrussischen Ethnien im Sowjetreich. Man kann diese Seiten nur mit Mühe lesen.
Die Ehefrau eines deutschen Kommunisten schrieb treuherzig an Stalin, man habe anfänglich erschrocken und ungläubig von der Verhaftung des einen oder anderen Genossen erfahren, aber es aufgrund der höheren Einsicht der Verantwortlichen akzeptiert. Als dann auch deren Freunde, Bekannte und Familien wegen Verrats oder Spionage abgeholt wurden, sei das nur schwer zu begreifen gewesen. Inzwischen gebe es fast keine deutsche Familie, die nicht irgendwie von Verhaftungen betroffen sei. Es könne doch nicht sein, dass so viele Verräter in ihren Reihen seien. Im Ausland war man entsetzt, wie in Moskau die führenden Genossen verschwanden.
Schlögel, wie andere vor ihm, etwa Koestler oder Ryklin, hellt das Mysterium der reuigen Angeklagten in den Schauprozessen auf. Am prominentesten etwa Politbüromitglied Bucharin, „Lenins Liebling“, der sich mit einem Brief von Stalin verabschiedet. Bucharin widerspricht zwar einer Mitschuld an den detailliert vorgetragenen Verbrechen, die ihm angelastet werden, gibt aber eine Gesamtschuld zu. Er sieht in seiner Hinrichtung noch den Sieg des proletarischen Staates und in seiner Selbstentlarvung die Überlegenheit kommunistischen Denkens. Die lange Isolationshaft habe ihn zu diesem Klärungsprozess geführt. (Verstehe ich jetzt besser, was der Potsdamer Historiker Martin Sabrow meint, wenn er im Zusammenhang mit der DDR von Konsensdiktatur spricht?)
Das Buch ist eine imponierende Leistung des Darmstädter Osteuropafachmannes Karl Schlögel. Ich empfehle es als Ergänzung zur DDR-Aufarbeitungsliteratur. Man sollte sich nicht verlieren in Diskussionen über den “Rechtsstaat” DDR, die Alltagskultur von Eisenhüttenstadt, die Frauenemanzipation und darüber, ob es eine „Wende“ oder eine Revolution war. Statt Fußnoten der Geschichte sollte man Schlögel lesen.
Es waren Menschen, die den Terror von 1937/38 in Moskau überlebt haben, die Zeit in der jeder jeden denunzierte, um die eigene Haut zu retten, die zehn Jahre danach mit einem Fackelzug die DDR gegründet haben. Und dann in Ostberlin Schauprozesse inszenierten. Noch Ende 1989 unterschrieben MfS-Offiziere “Mit tschekistischem Gruß”.
Das Faszinierende am Sozialismus kommt bei Schlögel nicht zu kurz. Aber es lässt sich nicht vom Terror trennen.Das Buch trägt seinen Titel zu Recht.
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